Freiheiten in der Beziehung

21. Juli 2008

Stellen Sie sich vor, Ihre Beziehung sähe so aus: Sie könnten mit jeder Frau schlafen, die Sie ranlässt, Ihre Socken auf dem Esstisch liegen lassen und jederzeit mit den Jungs einen heben. Und Ihre Liebste würde nie klagen. Wäre das nicht prima?
Ja! Aber es wäre keine Beziehung. Bei aller Freiheitsliebe: Es ist nicht Sinn einer Partnerschaft, frei zu sein. Darum heißt es ja “Ich bin gebunden”, und deshalb lebte George Clooney jahrelang mit einem Hängebauchschwein zusammen. “Für das Einfordern von Freiheiten in der Beziehung gibt es keine allgemein gültigen Regeln”, sagt Paarberater Michael Mary aus Schadeland. Es ist eine Frage der individuellen Verfassung. Über Freiheiten lässt sich daher nur bedingt verhandeln.

“Freiheit und Beziehung stehen nicht unbedingt im Widerspruch”, erklärt der Buchautor (”Und sie verstehen sich doch”, Lübbe-Verlag, um 18 Euro). “Freiheit ist ja nichts Absolutes. Sie kommt innerhalb bestimmter Grenzen vor. Und die variieren von Paar zu Paar.” Diese Grenzen wollen wir für Sie ausloten.

Einen Tipp vorweg: Wenn es bei Ihnen beiden gewisse Animositäten gegenüber bestimmten Verhaltensformen gibt, sollten Sie füreinander erst mal festlegen, was in der Beziehung erlaubt ist und was nicht. Erstellen Sie eine Grundrechte-Charta, die die Freiheiten des Individuums festlegt. “Wenn die Charta Ergebnis von Verhandlungen ist, kann das helfen”, sagt Psychologe Mary.

§ 1 Reisefreiheit
Situation: Sie will mit einer Freundin in den Urlaub fahren – ohne Sie. Wie reagieren Sie, vor allem da Sie befürchten, dass Frauen im Solo-Urlaub zum Fremdgehen neigen? Wenn Sie erst einmal ausrasten wollen, steht Ihnen das frei. Mary: “Sie haben ja wohl keine Wahl in Ihrer Reaktion – die ist nämlich emotional und steht dem Willen kaum zur Verfügung.”

Vielleicht erledigen Sie den Wutausbruch aber zunächst im Keller – allein. Für das folgende Gespräch raten wir zur Besonnenheit und zu angemessenen Forderungen: Sprechen Sie über Ängste und treffen Sie Abmachungen, mit denen sich beide gut fühlen. Nein, abschließbare Bikini-Höschen und eine Webcam über ihrem Hotelbett gehören nicht zur Verhandlungsmasse.

§ 2 Redefreiheit
Situation: Sie trägt ein neues Kleid, Sie finden, es sieht unmöglich aus.

Dürfen Sie das laut sagen? Natürlich kann in einer Beziehung jeder zu jeder Zeit sagen, was er will. Er muss aber auch im gleichen Rahmen damit rechnen, dass ihm scharfer Wind entgegen bläst. Soll heißen: Wenn Sie keinen Krieg riskieren wollen, wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht.

Kommentare wie “Presswurst” und “Kleidersack” verbieten sich. Oft genügt es, wenn Sie das Kleid nicht allzu überschwänglich loben, um ihre Zweifel zu wecken. Kritik bewirkt womöglich eher Trotz. Tipp vom Paarberater: “Anstatt sie zu kritisieren und zu sagen ‘Du siehst unmöglich aus’, wäre es besser, den eigenen Eindruck wiederzugeben: ‘Mir sagt das gar nicht zu’ oder ‘Ich traue mich gar nicht, mich neben dir blicken zu lassen’.”

§ 3 Feierfreiheit
Situation: Sie wollen mit den Kumpels feiern gehen – ohne Frauen.

Muss sie das erlauben? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wie kommt es bloß, dass Ihre Liebste von dieser Idee nicht begeistert ist? Sie gehen mit den Jungs einen trinken und zum Wackelpudding-Catchen, und Ihre bessere Hälfte sieht zu Hause fern. Ist doch super! Aber sie schmollt.

“Sie muss Ihnen gar nichts erlauben, sie kann Ihnen auch nichts verbieten”, sagt der Paar-Profi. “Das hat Mutti getan. Bedenken Sie aber: Die Partnerin kann ihre Konsequenzen ziehen, mit denen Sie dann leben müssen.” Besser wäre es also, Sie gingen die Sache etwas weniger forsch an – warum vereinbaren Sie nicht ein, zwei bewegliche monatliche Termine, an denen Sie und sie machen können, was jeder will? So können gar nicht erst falsche Erwartungen in Bezug auf die gemeinsame Abendgestaltung aufkommen.

§ 4 Flirtfreiheit
Situation: Sie verstehen sich ausgesprochen gut mit einer neuen Kollegin. Ihre Liebste ist der Meinung, Sie haben einen Flirt.

Wie kommen Sie aus der Eifersuchtsnummer wieder raus? Die Ines aus der Buchhaltung ist ein echter Kumpel. Mit der kann man Pferde stehlen. Und einen heben. Und bis in die Puppen tanzen. Klar hat die Ines unheimlich tolle Brüste und einen Wahnsinnshintern. Aber das tut doch hier gar nichts zur Sache. So, glauben Sie. Das sieht das andere Mitglied Ihrer Lebensgemeinschaft etwas differenzierter. Sie würde sogar so weit gehen, Kratz- und Beißtechniken anzuwenden, um ihren Standpunkt anschaulich zu vertreten.

Vielleicht sollten Sie eher deeskalieren? Verlassen Sie sich besser nicht darauf, dass Ihre kleine Furie sich schon wieder beruhigt. “Ob Ihre Partnerin einfach über die Sache hinwegsehen kann, kommt auf ihr Selbstbewusstsein an”, erklärt der Fachmann. Darüber reden ist in jedem Falle besser. “Auch hier könnte ein Gespräch über Ängste und Befürchtungen Ihrer Partnerin eine größere Klarheit schaffen.”

Machen Sie ihr verständlich, dass Sie wirklich nur kumpelhafte Absichten haben und dass Ihre Liebste immer noch unangefochten Ihre Königin ist. Und überhaupt: Wenn die Kollegin wirklich nur ein Kumpel ist – warum darf dann Ihre Partnerin nicht einfach dabei sein beim Pferde stehlen?

§ 5 Wahlfreiheit

Situation: Sie schlägt Ihnen vor, künftig eine offene Beziehung zu führen, in der beide das Recht zu Seitensprüngen haben.

Kann so was funktionieren? Denken Sie jetzt nicht gleich: Wow, dann kann ich ja jetzt endlich mit der Doreen und der Mandy in die Kiste springen! Denken Sie, dass Ihre Liebste den Heiner und den Carlo in letzter Zeit so nett angelächelt hat – und was das bedeuten könnte.

Zunächst müssen Sie sich darüber klar werden, dass hier Freiheit nur ist, was beide als solche akzeptieren und definieren. “Fremdgehen ist keine Einschränkung der Freiheit des Partners”, sagt der Psychologe. “Das ist eher eine Verletzung der Sicherheitsgefühle. Auch Ihr Wunsch, dass sie nicht fremdgeht, ist keine Einschränkung ihrer Freiheit. Aber wenn Sie diese Bedingung stellen, könnte das eine Einschränkung sein – unter der Voraussetzung, dass Fremdgehen unter Ihren Begriff von Freiheit fällt.”

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Fakt ist: Die wenigsten Beziehungen verkraften es, wenn die Partner einander in aller Offenheit gestehen, was sie wo und wann mit wem wie oft getrieben haben. Mary: “Ich würde raten, das eher für sich zu behalten. So etwas kann gut gehen, solange sich die Partner an bestimmte, von ihnen selbst verfasste Regeln halten und keine Verliebtheiten entstehen. Aber eine Garantie dafür kann keiner geben. Die Sache wird womöglich lebendig und zugleich gefährlich, was ja zusammengehört.”

Es kommt drauf an, welches Maß und welche Form von Lebendigkeit Sie sich in Ihrer Beziehung wünschen. Schlachtfelder sind im ersten Moment auch sehr lebendig und gefährlich, aber am Ende bleibt ein Bild der Zerstörung. Eine offene Zweierbeziehung ist also nicht wirklich empfehlenswert – welche aber dann? “Es gibt heutzutage keine für alle Menschen passenden Beziehungsformen”, sagt der Experte. “Schon gar nicht solche, die allen gemeinsames Glück und individuelle Freiheit garantieren. Das Bedürfnis nach Freiheit ist unterschiedlich ausgeprägt. Dennoch würde ich sagen, dass Beziehungen, die bestimmte Distanzformen aufweisen, wie beispielsweise getrennte Zimmer, Betten, Konten oder Wohnungen, immer mehr an Bedeutung gewinnen.”

§ 6 Bewegungsfreiheit
Situation: Sie wollen mindestens dreimal die Woche zum Sport. Das bewegt Ihre Liebste zu sagen, Ihnen sei Ihre Figur wichtiger als ihre.

Wer setzt sich hierbei durch? Nichts gegen ein bisschen Kuscheln vor dem Fernseher – aber ganz so kuschelig wollen Sie sich dann doch nicht anfühlen. Sixpack ist schließlich Sixpack. Kaum holen Sie die Trainingsschuhe aus dem Schrank, beginnt aber die immer gleiche Diskussion: Fitness oder Foulness – wo liegt der Kompromiss?

Der Paarberater: “Der ergibt sich aus der gegenseitigen Einsicht in die Wichtigkeit der unterschiedlichen Bedürfnisse.” Das heißt nicht, dass Sie nun einfach sagen, dass Pumpen und Joggen Ihnen mehr bedeuten als Gammeln und Knuddeln. Keiner von Ihnen sollte die Absicht des anderen verdammen, sondern vornehmlich klarmachen, warum das eigene Ziel so wichtig ist.

Sie sollen ihr verdeutlichen, was Ihnen der Sport bringt – und warum Sie sich ohne schlecht fühlen. “Beide Seiten müssen einander erklären, was das eine und das andere für jeden bedeutet”, sagt Mary. Erst wenn die Wichtigkeit der einzelnen Alternativen für beide klar ist, können Sie sich aufeinander zu bewegen. Vielleicht gehen Sie einfach zweimal morgens zum Sport, dafür wird dann einmal zusammen gekuschelt und einmal gibt es prima Sex? Das senkt auch die Gefahr, dass einer andere Partner ausprobieren will.

Traumfrau gesucht: Gutes Aussehen reicht nicht

19. Juni 2008

Hamburg/München (dpa/tmn) - Von ihrer Traumfrau erwarten die meisten Männer mehr als gutes Aussehen. Bei einer repräsentativen Umfrage des Hamburger Gewis-Instituts sagten 79 Prozent, sie wollten sich mit ihrer Partnerin auch “intellektuell auseinandersetzen können”.

Auf die Maße “90-60-90″ legen dagegen nur 18 Prozent der Männer wert. Befragt wurden im Auftrag der Zeitschrift “Elle” 1042 Männer im Alter zwischen 25 und 50 Jahren in Deutschland.

Bei der Farbe von Haaren und Augen ist die Mehrheit der Männer allerdings festgelegt: 54 Prozent haben eine bestimmte Präferenz. Bei gut jedem Dritten (35 Prozent) verändert sich die Vorstellung von der Traumfrau dagegen immer wieder. Und immerhin 43 Prozent der Männer sagen von sich, sie hätten ihre Traumfrau bereits geheiratet.

Viele Frauen finden ihre Männer geizig

19. Juni 2008

Hamburg (dpa/tmn) - Viele Frauen finden ihre Männer geizig. Mehr als jede dritte Frau (37 Prozent) hält den Partner für knauserig. Das ergab eine Umfrage des Instituts Gewis im Auftrag der Zeitschrift “Laura”.

Demnach geizen die Männer beim Haushaltsgeld (72 Prozent), lassen sich jeden Cent vorrechnen (81 Prozent) und halten ihre Frau beim gelegentlichen Luxus an der kurzen Leine (94 Prozent).

51 Prozent der Befragten erklärten, ab und zu etwas vom Haushaltsgeld abzuzweigen, um sich einen Wunsch erfüllen zu können. Befragt wurden 1022 Frauen im Alter zwischen 25 und 60 Jahren.

Kinder sind laut Umfrage für eine Beziehung wichtig

19. Juni 2008

Hamburg (dpa/tmn) - Erst Kinder geben einer Beziehung den richtigen Sinn. Dieser Ansicht sind vor allem Männer. In einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Institutes erklärten 54 Prozent der Männer, dass erst Nachwuchs eine Beziehung sinnvoll macht.

Bei den Frauen teilten nur 48 Prozent diese Einschätzung. Und 35 Prozent der Männer, aber lediglich 29 Prozent der Frauen halten Kinderlose für selbstsüchtig. Nur 18 Prozent der Befragten glauben, dass Kinder die persönlichen Freiheiten zu sehr einschränken würden.

Für rund ein Viertel der Befragten ist ein Kind sogar wichtiger als eine Beziehung. Sie sagten, sie würden auch ohne einen passenden Partner ein Kind bekommen. Für die Studie im Auftrag der Zeitschrift “Brigitte Balance” wurden 1002 Männer und Frauen ab 14 Jahren befragt.

Wer schmollt, erpresst auf die leise Art

19. Juni 2008

Nicht immer ist emotionale Erpressung auf Anhieb zu erkennen. Drohungen, wie “Wenn du diese Frau heiratest, streiche ich dich aus meinem Testament” oder “Wenn du die Scheidung einreichst, siehst du die Kinder nie wieder”, lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Genauso stark ist aber die Drohung, sich selbst zu bestrafen: “Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um.”

Die Selbstbestrafung ist ein Relikt aus der kindlichen Entwicklung à la “Meine Mutter wird schon sehen, was sie davon hat, wenn ich mich erkälte.” Ein Erwachsener droht zum Beispiel, krank zu werden oder sogar damit, sich selbst etwas anzutun, wenn das Opfer nicht tut, was er will.

Häufig verläuft eine emotionale Erpressung subtil und ist anfangs nur schwer zu durchschauen. Da gibt es zum Beispiel den “Verführer” unter den Erpressern. Er ermutigt sein Opfer und verspricht ihm Zuneigung, materielle Dinge oder auch bessere berufliche Chancen. Selten werden diese Versprechungen verwirklicht.

Das Verlangen des Opfers danach kann aber so groß sein, dass es die emotionale Erpressung lange nicht merkt. Manches Partysternchen mit Schauspielambitionen kann ein Lied davon singen: “Wenn du dies und jenes für mich tust, mache ich dich mit wichtigen Persönlichkeiten bekannt, die dir auf der Karriereleiter weiterhelfen.”

Manchmal äußert sich eine emotionale Erpressung auch in einer passiv-aggressiven Art. Dazu gehört beispielsweise, bei Konflikten zu schmollen und schweigend wütend zu sein. Der Erpresser zieht sich damit hinter einer uneinnehmbaren Mauer zurück und überträgt die gesamte Verantwortung für den Konflikt auf den Erpressten. Diese Situation ist für jeden Menschen schwer zu ertragen. Um die Spannung nicht aushalten zu müssen, ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis der Erpresste nachgibt.

Das Elend der Streber

17. Juni 2008

Warum ein schnelles Studium unmündig macht

Morgens um acht ist das Seminar am vollsten. Was zu meiner Studienzeit als “Mitternachtsseminar”
gefürchtet war, erfreut sich heute großer Beliebtheit. Die Studierenden versuchen, so viele Veranstaltungen
wie möglich in einen Uni−Tag zu packen. Das abendliche akademische Leben scheitert dagegen an
anderweitigen Pflichten. Die Studierenden arbeiten in Nebenjobs, die regulären Berufen vergleichbar sind: Da
verkauft eine 21−Jährige Neuwagen, eine andere leitet ein Call−Center. Akademische Freiheit wirkt
angesichts der ökonomischen Nachfrage nach anspruchsloser, intelligenter junger Verfügungsmasse wie
romantisches Sediment ferner Zeiten.

Nebenbei wird studiert. Das Ziel ist, nach drei bis vier Jahren in den lebenslänglichen Schuldienst
einzuziehen. Da lohnt sich die Eile: Referate werden in Nachtarbeitsstunden abgearbeitet, kaum eine klar
umrissene Aufgabe bleibt unerledigt. Eine ausgesprochen fleißige Studierendengeneration sieht sich
verpflichtet, in Bestzeit “fertig zu werden”. Eben “aus−” gebildet. Ganz Flinke haben begriffen, dass man mit
maximalem Fleiß und einiger Intelligenz das Studium auch in der Hälfte der Regelstudienzeit abwickeln kann.
Da kann man sich nicht zu viel Problematisierung leisten. Die Studierenden bringen von der Schule ohnehin
die Überzeugung von der Beliebigkeit alles zu Lernenden mit. Der Anspruch auf Verstehen ist weggespült im
Strudel der postmodernen Zusammenhanglosigkeit.

An den Gymnasien erleben die jungen Menschen, dass oft Bildungsstand und Vorlieben des Lehrers den
Horizont bestimmen. So erscheint auch an der Universität die Frage legitim, wie der Professor es denn hören
möchte. Paradoxerweise erziehen unsere Schulen unter dem Leitbild von Wissenschaftspropädeutik und
Mündigkeit zu einer besonders primitiven Form intellektueller Unselbstständigkeit. Die Wahrheitsfrage wird
als Machtfrage wahrgenommen. Gestritten wird nicht um die Idee der Wahrheit, es wird
treuherzig−gewerkschaftlich verhandelt, wie viele Seiten man für einen Schein schreiben muss. So hat man es
in der Schule gemacht, so macht man es noch als Personalrat im öffentlichen Schulwesen.

Eine Minderheit kommt auf einen anderen Geschmack. Lernend wird sie sich ihrer Unbildung bewusst und
beginnt, ernsthaft zu fragen. Dabei nehmen jene, die aus der Rennbahn der Studienzeitjunkies ausbrechen,
nicht nur mehr Arbeit in Kauf. Bummelstudenten haben ein niedrigeres Sozialprestige, besonders unter
Lehramtsstudenten. Ihr anvisiertes Berufsfeld gilt als wissenschaftliches Unland. Wie soll man diese
Festschreibung auch knacken in einer Gesellschaft, die das Unwort der Überqualifikation im Munde führt
und deren Desinteresse an jungen Menschen sich schon in der Geringschätzung gegenüber dem Personal
manifestiert, dem sie ihre Kinder überlässt?

Eines Tages sitzt ein Student im Seminar, der hat Erfolg und Untergang am Neuen Markt hinter sich. Aus dem
Stand ist er zu Diskussionen über Hegel bereit, kommt zum Zweiergespräch über den theologischen
Buchmarkt. Nach seiner exzellenten Magisterprüfung arbeitet er jetzt an seiner Promotion und mit großem
Eifer am Lehrstuhl mit. Für ihn haben ökonomische Verheißungen ihren Zauber verloren. Er sagt, die
Universität sei der schönste Ort, ein Ort des gemeinsamen Forschens und Nachdenkens, ein Ort erfüllten
Lebens. Studenten wie er lassen hoffen, dass die Vision von der Universität als Gemeinschaft von Forschern
und Lehrenden trotz ihrer Deformation zur Ausbildungsanstalt nicht ganz verloren geht.

“Einhorn” in italienischem Naturpark entdeckt

11. Juni 2008

Prato (dpa) - In der Toskana ist jetzt von Wissenschaftlern ein Rehbock mit nur einem Horn in der Mitte der Stirn gesichtet worden.

Es handele sich um ein Jungtier von nur zehn Monaten, das sich erst seit kurzem in einer Naturoase bei Prato aufhalte, berichtete die italienische Tageszeitung “La Repubblica”. “Das ist der Beweis, dass das legendäre Einhorn wirklich existiert haben kann”, erklärte Gilberto Tozzi, Direktor des Naturwissenschaftlichen Zentrums Prato (CSN), stolz.

Wahrscheinlich seien in früheren Zeiten Hirsche, Rehe oder andere Tiere mit einer ähnlichen morphologischen Anomalie gesehen worden. Interessierte können das einhörnige Reh im Naturpark auch selbst bewundern, allerdings müssten sie etwas Geduld mitbringen, sagte Tozzi: “Das Tier ist sich seiner Besonderheit durchaus bewusst und zeigt sich nur selten”. In der Mythologie ist das Einhorn ein pferdeähnliches, meist weißes und manchmal auch mit Flügeln versehenes Fabeltier mit einem Horn auf der Stirn.

Berlin stellt für Bush auf Durchzug

10. Juni 2008

Normalerweise umweht die Besuche von amerikanischen Präsidenten in Berlin ein Hauch von Geschichte. Doch für die Visite von George W. Bush hat die Hauptstadt auf Durchzug gestellt.

Keine Rede an der Mauer, keine Straßenschlachten, keine Krisengespräche. Dafür eine Nacht in einem brandenburgischen Zauberschloss. Das Besuchsprogramm liest sich, als wäre Bush schon aus dem Amt geschieden. Mit Protesten wurde in Berlin nicht gerechnet. Nicht einmal als Feindbild ist der US-Präsident noch populär.

Mit der Einladung auf Schloss Meseberg, das Gästehaus der Bundesregierung, revanchiert sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Bush dafür, dass er sie vergangenen November auf seine Ranch in Texas einlud. Eine freundliche, aber nicht allzu persönliche Geste, die ganz charakteristisch für Merkels Umgang mit dem US-Präsidenten ist. “Ihr gelingt dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz”, sagt Alexander Skiba, Experte für transatlantische Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

Eine ganz andere Stimmung prägte den ersten Bush-Besuch in Deutschland. Als der US-Präsident 2002 nach Berlin kam, erwarteten ihn “Buschtrommeln” gegen den sich abzeichnenden Irak-Krieg. Das Bild, das sich die Deutschen von dem Texaner machten, hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon gründlich gewandelt, sagt Skiba: “Bush wurde von einer Lachnummer zum schießwütigen Cowboy.”

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bemühte sich während des Berlin-Besuchs zwar mit Currywurst und Apfelstrudel um ein vertrautes Verhältnis, distanzierte sich aber kurz darauf im Wahlkampf öffentlich von den Plänen der US-Regierung. “Das war geradezu ein Zusammenbruch jeder freundschaftlichen Beziehung”, sagt der Direktor des Centrum für Angewandte Politikforschung, Werner Weidenfeld. “Bush hat sich hereingelegt gefühlt.”

Auch wenn die US-Regierung sich nach der Wiederwahl von Bush 2003 bemühte, die Bündnispartner wieder stärker einzubinden - die persönliche Chemie zwischen Kanzler und Präsident konnte nicht mehr ausbalanciert werden. Dagegen lief auf Arbeitsebene die Zusammenarbeit wieder an, etwa bei den Bemühungen um eine Lösung im Nahen Osten oder um die Einstellung des iranischen Atomprogramms. Diese Themen stehen ganz oben auf der Agenda von Bushs Europatour.

Merkel ist es gelungen, Bush als Negativ-Faktor der deutschen Innenpolitik praktisch zu neutralisieren. Dabei hilft, dass er wie alle US-Präsidenten in ihrem letzten Amtsjahr eine “lahme Ente” ist. Dauerthemen wie Afghanistan oder Iran werden besprochen, doch in Wirklichkeit ruht die Suche nach einer Lösung bis zum Wachwechsel im Weißen Haus. Dadurch hat Bush auch für seine Gegner an Relevanz verloren. Bis zum Wochenende war in Berlin keine einzige Demonstration anlässlich des Besuchs angemeldet, wie die Polizei auf Anfrage mitteilte.

Die Kanzlerin spielt diese Woche wieder verstärkt auf der internationalen Bühne, auf der sie gern glänzt. Am Montag traf sie in Straubing mit dem französischen Staatschef Nicolas Sarkozy zusammen, bevor heute und am Mittwoch der US-Präsident an der Reihe ist. Vom Streit in der Koalition und mit den eigenen Parteigängern um Steuern kann sie so einen Moment lang ablenken. “Diese Besuche”, sagt Weidenfeld, “haben immer eine hohe innenpolitisch-taktische Dimension.”

Schmutzige Tricks, Sex im Oval Office und Liebes-SMS an eine Stripperin

10. Juni 2008

Diese heiklen Affären brachen in den letzten Jahren Politikern das Genick, faszinierten die Boulevardpresse und erschütterten die Öffentlichkeit. Von Watergate bis Uwe Barschel – Politskandale im Rückblick.

Nixon und die Watergate-Affäre

Der Name steht für den womöglich größten politischen Skandal nicht-sexueller Natur in den USA. Auch wenn Watergate heute für Korruption und Skandal steht - die Affäre wurde nach einem vornehmen Hotel in Washington benannt. In der Nacht zum 17. Juni 1972 brachen fünf Männer in das dort untergebrachte Hauptquartier der Demokratischen Partei ein und wurden von der Polizei festgenommen. Später stellte sich heraus, dass die Einbrecher Abhörgeräte in den Büros der Demokraten installieren wollten. Bei einem der gefassten Männer handelte es sich um einen Sicherheitsberater des Wahlkampfkomitees von US-Präsident Richard Nixon, wie sich später bei den umfangreichen FBI-Ermittlungen herausstellte. Zwei Jahre lang bestritt Nixon, in die Watergate-Affäre verwickelt zu sein, bis Tonbandaufzeichnungen aus dem Weißen Haus das Gegenteil bewiesen. Die Ermittlungen gegen Nixons Establishment wurden von zwei Journalisten der Washington Post maßgeblich vorangetrieben. Bei den unermüdlichen Nachforschungen von Bob Woodward und Carl Bernstein war ihnen ein geheimer Informant namens “Deep Throat” behilflich.

Der Kongress bereitete ein Impeachment (Amtsenthebung) gegen Nixon vor, der jedoch kurz davor 1974 seinen Rücktritt erklärte. Er war der erste Präsident der Vereinigten Staaten, der sein Amt vorzeitig niederlegen musste. Sein Nachfolger Gerald Ford begnadigte Nixon zwar wegen aller Verstöße gegen das Rechtssystem der Vereinigten Staaten, er verlor jedoch seine Anwaltsgenehmigung. Nixons Mitarbeiter wurden allerdings zu Haftstrafen verurteilt.

Mehr als dreißig Jahre lang spekuliert das Land, wer die verlässliche Quelle namens “Deep Throat” gewesen sein mag. Erst 2005 lüftete die amerikanische “Vanity Fair” das Geheimnis. Die frühere Nummer zwei des FBI, Mark Felt, hatte die Journalisten Woodward und Bernstein mit den vertraulichen Informationen versorgt.

Politiker vergnügt sich mit Edelprostituierten

Elliot Spitzer galt als Saubermann der Politik, bis sein Schäferstündchen mit dem Callgirl “Kirsten” an die Öffentlichkeit gelangte. “Kirsten” hieß in Wirklichkeit Alexandra Ashley Dupré und traf sich mit “Client No. 9″ in einem Hotel in Washington. Auf einer Tonbandaufnahme identifizierte die Polizei den verheirateten Familienvater Spitzer als den fraglichen Kunden. Gleich mehrfach hatte er die Dienste der Edelprostituierten in Anspruch genommen. Der Gouverneur des Staates New York trat daraufhin mit seiner Ehefrau vor die Kameras, gab reumütig seinen “Ausrutscher” zu und legte sein Amt nieder.

Viele Investmentbanker an der Wall Street dürften sich über den grandiosen Abgang von Elliot Spitzer gefreut haben. Bevor er Gouverneur von New York wurde, arbeitete Spitzer als Generalstaatsanwalt und war als “Sheriff der Wall Street” berüchtigt. Die Finanzbranche lernte ihn als gnadenlosen Verfolger von betrügerischen Praktiken fürchten. “Ich bin an jenen Standards gescheitert, die ich mir selbst setze”, sagte Spitzer bei seiner Pressekonferenz.

Spendenaffäre Kohl

Im Jahre 1999 stellte sich der frühere Schatzmeister der CDU Walther Leisler Kiep der Staatsanwaltschaft. Der per Haftbefehl gesuchte Kiep gab zu, 1991 vom Waffenhändler Karlheinz Schreiber Parteispenden in Millionenhöhe für die CDU angenommen zu haben, die er jedoch weder versteuerte, noch an die CDU weitergab.

Nur wenig später räumte der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ein, dass die Partei in der Ära Kohl schwarze Konten geführt hatte. Als Verleumdungskampagne tat der frühere Bundeskanzler die Berichte ab, bis er in einem Fernsehinterview zugab, ab 1993 Spenden von insgesamt rund 2,1 Millionen Mark angenommen zu haben. Die Gelder flossen auf so genannte schwarze Konten, wurden also an den Büchern der Partei vorbeigeschleust. Die Namen der Spender sind bis heute nicht bekannt. Da Kohl den Geldgebern sein “Ehrenwort” gab, lehnt er es bis heute ab, die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Dass er somit eine private Angelegenheit, sein “Ehrenwort”, über das deutsche Recht stellt, scheint ihn nur wenig zu tangieren. Der Skandal wurde auch “System Kohl” genannt, weil der ehemalige Bundeskanzler davon Wahlkämpfe von CDU-Politikern finanzierte, die ihm wohl gesonnen waren.

Bill Clinton und Monica Lewinsky

Wer könnte den Moment vergessen, als eine ganze Nation und die halbe Welt auf den Bildschirm starrte. “I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky”, erklärte ein sichtlich verlegener US-Präsident Bill Clinton vor laufenden Fernsehkameras.

Kaum ein halbes Jahr später musste er, wiederum vor dem beobachtenden Auge der ganzen Nation, dann doch beichten, dass er mit Monica Lewinsky eine Affäre hatte. Als die Liaison 1998 an die Öffentlichkeit gelangte, war sie schon drei Jahre her. 1995 arbeitete Monica Lewinsky als Praktikantin im Weißen Haus und kam dem US-Präsidenten dabei deutlich näher als viele andere Mitarbeiter. Als sie später im Pentagon angestellt war, berichtete sie ihrer Kollegin Linda Tripp von ihrem Abenteuer mit dem US-Präsidenten. Diese zeichnete die gemeinsamen Gespräche auf und verkaufte sie an den unabhängigen Ermittler Kenneth Star. Den Höhepunkt erreichte die Geschichte für den US-Präsidenten, als Monica Lewinsky Immunität versprochen wurde und sie vor Gericht gegen Bill Clinton aussagte. Als Beweismaterial präsentierte sie ein Kleid, das angeblich mit Spermaflecken das Präsidenten übersät war – Lewinsky hielt es auf Rat ihrer Kollegin Tripp ungewaschen. Bevor der Fleck auf DNA-Reste untersucht wurde, erklärte Bill Clinton, dass er eine “unangemessene Beziehung” zu Monica Lewinsky gehabt habe. Wegen Bill Clintons Falschaussage leitete das Repräsentantenhaus ein Verfahren zur Amtsenthebung ein. Das Verfahren fand im Senat statt und befand Clinton mit 55 zu 45 Stimmen für “nicht schuldig”, einen Meineid geleistet zu haben.

Luderalarm in der Botschaft

Nur selten genießt ein Botschafter so viel mediale Aufmerksamkeit wie Thomas Borer-Fielding. Ab 1999 war er als Diplomat der schweizerischen Regierung in Berlin tätig und avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Liebling der Hauptstadt-Society. Sicherlich war dies nicht nur seinem betont lässigen Stil geschuldet, sondern auch seiner texanischen Frau Shawne Borer Fielding. Mit Charme und Eleganz schaffte es die mehrfach zur Schönheitskönigin gewählte Amerikanerin, die Berliner Gesellschaft in ihren Bann zu ziehen.

Zum Verhängnis wurde Borer Fielding die enorme Medienpräsenz 2002, als die Schweizer Boulevardzeitung SonntagsBlick von einer angeblichen Sex-Affäre Bohrers mit Djamila Rowe berichtete. Das Nacktmodell lieferte dem Blatt für ein Honorar in Höhe von 10.000 Euro eine entsprechende Aussage, die sie jedoch wenig später widerrief. Thomas Borer-Fielding wurde trotzdem aus Berlin abberufen. Konsequenzen musste allerdings auch der Verlag tragen. Ringier entschuldigte sich öffentlich bei dem Ehepaar und der Chefredakteur der SonntagsBlick trat zurück.

Barschel-Affäre

Der bis heute wohl berühmteste deutsche Politskandal fand im kühlen Norden statt. Der Vorzeigepolitiker und Hoffnungsträger der CDU, Ministerpräsident Uwe Barschel, fürchtete um seine Wiederwahl.

Bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein hatte die CDU 1986 schmerzliche Verluste einstecken müssen. Um eine Niederlage bei den Landtagswahlen zu verhindern, versuchte Barschel seinen charismatischen Kontrahenten Björn Engholm mit schmutzigen Tricks zu diskreditieren. Barschels Medienberater Reiner Pfeiffer reichte eine anonyme Steuerhinterziehungsklage gegen Engholm ein und ließ ihn von Privatdetektiven beschatten. Sogar einen Abhörskandal wollte die CDU der SPD in die Schuhe schieben und überlegte, die eigenen Telefone zu verwanzen. Kurz vor der Wahl packte dann Barschels Medienberater Pfeiffer aus. Bei der Landtagswahl verlor die CDU die absolute Mehrheit und wurde nur zweitstärkste Kraft hinter der SPD.

Barschel versicherte mit seinem persönlichen Ehrenwort, dass die Anschuldigungen gegen ihn haltlos seien, trat jedoch kurz darauf von seinem Amt zurück. Auf der Flucht vor den Medien tauchte er in Genf unter. “Stern”-Reporter Sebastian Knauer fand Barschel schließlich im Hotel Beau-Rivage tot in der Badewanne. Der Fall ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Bei den Neuwahlen am 8. Mai 1988 errang die SPD die absolute Mehrheit und Björn Engholm wurde neuer Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. 1993 musste er vom Amt zurücktreten, als ihn wiederum die Nachbeben der Barschel-Affäre einholten. Engholm hatte behauptet, von den Machenschaften Pfeiffers nichts gewusst zu haben. Dieser jedoch setzte auch die SPD über seine Spielchen in Kenntnis und kassierte dafür ein hübsches Sümmchen.

200 Liebes-SMS an eine Stripperin

Rund 200 SMS schickte der finnische Politiker Ilkka Kanerva an seine Angebetete. Der mittlerweile nur noch ehemalige Außenminister benutzte dafür nicht nur sein Diensthandy, sondern auch ordentlich viel Zeit. Wie ein Journalist ausrechnete, braucht man für des Verfassen von mehr als 200 kurzer Textnachrichten etwa 20 Stunden

Kanerva, der vor vier Jahren bereits in eine SMS-Affäre verwickelt war, lernte die Stripperin Johanna Tukiainen der Gruppe “Glamour Girls” im Flugzeug kennen. Die vollbusige Blondine schien von den SMS nur wenig angetan gewesen zu sein. Sie verkaufte der Zeitschrift “Hymy” 24 Nachrichten aus ihrer Sammlung und versuchte kurz darauf vergeblich die Veröffentlichung zu verhindert.

Sex mit 15-Jährigen

Über den Fall Kofod debattierte ganz Dänemark. Nach einem Seminar der dänischen Jungen Sozialisten, zu dem Kofod als Redner eingeladen war, floss viel Alkohol und der sozialdemokratische Spitzenpolitiker landete mit einer 15-Jährigen im Bett. Genüsslich berichteten Medien von “Sex bis zum Äußersten” mit dem Parteinachwuchs. Zwar konnte Kofod dafür strafrechtlich nicht belangt werden, da in Dänemark jeder ab dem 15. Geburtstag als sexuell mündig gilt, dennoch bekam er die Nachwirkungen der Nacht hart zu spüren. Seine Partei zwang ihn, alle seine Ämter aufzugeben und Kofod meldete sich erstmal krank. Die Parteiführung begründete die Entscheidung damit, dass Sex zwischen Dozenten und Schülern auf Parteiseminaren nicht gestattet seien. Außerdem habe Kofod nicht einmal ein Kondom benutzt. Ausgerechnet die gegnerische Partei sprang dem ehemaligen außenpolitischen Sprecher der Sozialisten zur Seite und kritisierte den heuchlerischen Puritanismus der Sozialisten.

Studieren mit Kind

9. Juni 2008

Etwa sechs Prozent aller Studierender in Deutschland haben Kinder. Studium, Nebenjob und Betreuung unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach, auch wenn viele Hochschulen eigene Kindertagesstätten betreiben. Welche Probleme zu lösen sind, aber auch welche Vorteile ein Kind während des Studiums bringt, will abi von Experten wissen.

Sigi Marthol (30)
studiert Deutsch und Geographie auf Lehramt in Erlangen, hat zwei Söhne im Alter von sieben und zwei Jahren.

Mit Kind zu studieren, ist viel leichter, als man sich das vorstellt. Als Studentin kann ich mir meine Zeit flexibel einteilen und kann beispielsweise am Abend lernen, wenn mein Freund zu Hause ist. Wenn man berufstätig ist, ist diese Flexibilität nicht möglich. Allerdings ist es wichtig, dass man einen Krippenplatz oder eine andere Betreuungsmöglichkeit für die Kinder hat, damit man zumindest einige Lehrveranstaltungen besuchen und Prüfungen ablegen kann. In Prüfungsphasen ist es aber schon sehr stressig mit Kind, da haben es die Kommilitonen ohne Nachwuchs sicher leichter. Auch bei Exkursionen, die in meinem Studiengang vorgeschrieben sind, gab es manchmal Probleme, weil ich eben nicht einfach fünf Wochen nach Australien gehen kann. Um wegen versäumter Exkursionen oder Überschreitung der Regelstudienzeit nicht exmatrikuliert zu werden, habe ich mich insgesamt neun Semester beurlauben lassen. Das Problem ist, dass man während der Urlaubssemester zwar Prüfungen ablegen darf, aber kein BAföG bekommt. Die Finanzierung war deshalb anfangs schon schwierig. Inzwischen hat mein Freund aber sein Studium abgeschlossen und verdient genug für uns alle.

Anneliese Hendel-Kramer
Mitarbeiterin des Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstitutes an der EFH Freiburg im von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderten Projekt „Familiengründung im Studium – Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie“.

Bei dem üblichen Drei-Phasen-Modell Ausbildung – Berufserfahrung – Familiengründung besteht die Gefahr, dass einem die Zeit davonläuft. Ein Kind schon während des Studiums zu bekommen, ist deshalb eine Möglichkeit. Bei unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass rund ein Drittel der Kinder Wunschkinder waren. Das größte Problem, das unsere befragten Eltern hatten, war die Zeitnot, vor allem, weil 41 Prozent der studierenden Mütter nebenbei noch arbeiten, im Durchschnitt sieben Stunden pro Woche. Nur zehn Prozent finden, dass das Betreuungsangebot an der Hochschule gut ist. Schwierig wird es beispielsweise, wenn Blockseminare am Wochenende stattfinden oder wenn bestimmte Termine für Haus- oder Abschlussarbeiten eingehalten werden müssen, das Kind aber krank wird. Trotzdem würden 75 Prozent der von uns befragten Absolventen und Absolventinnen, die schon während des Studiums Eltern wurden, wieder mit Kind studieren. Nur 13 Prozent sind der Meinung, dass sich Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit besser unter einen Hut bringen lassen als Kind und Studium.

Achim Meyer auf der Heyde
Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), dem Dachverband aller Studentenwerke.

Studierende mit Kind erhalten von den Studentenwerken eine Menge Unterstützung. Von den 61 Studentenwerken in Deutschland bieten 54 insgesamt 168 Kindertagesstätten mit 5.699 Plätzen an. Etwas mehr als die Hälfte dieser Plätze ist für Kinder bis drei Jahren reserviert. Der Bedarf für Betreuungsangebote ist in dieser Altersgruppe am größten, da die meisten Studierenden kleine Kinder haben, es für diese aber noch keinen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt. Im Vergleich zum vergangenen Jahr konnten wir die Zahl der Kita-Plätze zwar um 10,6 Prozent steigern, die Rahmenbedingungen an den Hochschulen sind aber noch nicht ideal. Für Studierende mit Kind ist es nicht einfach, Kinderbetreuung und den Besuch von Lehrveranstaltungen unter einen Hut zu bekommen. Mit einem Kind verlängert sich das Studium, aber auch die Abbruchquote von Studierenden mit Kind ist höher als bei denen ohne Kind. Durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge dürfte die Vereinbarkeit sogar noch schwieriger werden, weil diese Studiengänge verschulter sind. Die Hochschulen arbeiten aber daran, familienfreundlicher zu werden.

Renate Schmidt
Mitglied des Bundestages und von 2002 bis 2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Der Studienbetrieb und die Prüfungsordnungen sind (noch) nicht für das Studieren mit Kind ausgelegt. Dennoch können Studierende häufig von zu Hause aus lernen und arbeiten, was der Kinderbetreuung entgegen kommt. Besonders problematisch wird es natürlich für stillende Mütter, eine Prüfung kann nicht so leicht verlassen werden, weil das Kind gestillt werden muss. Insgesamt sind viel Organisationstalent und besonders flexible Betreuungsmöglichkeiten gefragt. Andererseits ist die zeitliche Flexibilität während des Studiums größer als in den meisten Berufen. Man kann damit besser auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes eingehen. An vielen Universitäten gibt es studentische Elterninitiativen, die sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung unterstützen. Unter solchen Umständen kann die Vereinbarkeit von Familie mit dem Studium oftmals besser laufen als die Vereinbarkeit mit dem Beruf. Wenn man es aus praktischen Gesichtspunkten sieht, ist es deshalb sogar besser, Kinder während des Studiums zu bekommen. Wenn man dann ins Berufsleben startet, sind die Kinder schon etwas größer und können so leichter in einem Ganztageskindergarten betreut werden – sofern dieser in der Stadt oder Gemeinde vorhanden ist.